Rezension eines Berlinromans

Anke Jablinskis Klettermax neu als Taschenbuch

"Klettermax" heißt der autobiografische Schlüsselroman von Anke Jablinski. Bevor sie sich Malta erwanderte und zur zweiten Heimat machte, erkletterte sie sich das Berlin der 70er und frühen 80er Jahre. Beim Klettern konnte sie ihre Panikattacken überwinden und sich ihre innere Freiheit zurückholen. Denn zuhause war sprichwörtlich Krieg. Ein Krieg, den der im 2. Weltkrieg traumatisierte Vater in der Familie brutal reinszenierte. Jetzt ist der Roman erneut erschienen – als Taschenbuch. Schauen wir es uns an.

Von Bertold Schmitt-Feuerbach

Anschauen – zum Inhalt kommen wir später – darf durchaus wörtlich genommen werden. Denn mit der neuen Ausgabe wechselt der Roman nicht nur vom Hardcover zum Paperback. Er kommt auch mit neuem Titelbild daher – und mit neuem Untertitel. Beide verraten uns schon viel über den Inhalt. Anke Jablinskis "wahre Geschichte über Traumata und die Überwindung von Panikattacken" (Untertitel) ist vielschichtig und vereint gleich mehrere Genres.

Schauplatz Berlin (West) und seine Subkultur

Jablinskis Roman ist über weite Strecken ein Großstadtroman, ein Berlinroman. Die Coverillustration von Klaus Brandt gibt den Blick frei über die Dächer einer Stadt, die wir sofort als das nächtliche Berlin (West) erkennen, mit Funkturm, Berliner Wappen und Schultheiss-Werbung. Das ist der Schauplatz des Romans, der Westen Berlins vor dem Mauerfall. Das Berlin der 60er, 70er und 80er Jahre. Die Insel-Stadt mit ihrer einzigartigen Subkultur, die Künstler und Musiker in ihren Bann zog und auch Iggy Pop und David Bowie inspirierte.

Buchcover Klettermax von Anke Jablinski: Illustration von Klaus Brandt zeigt Dächer von Berlin (West) bei Nacht mit Funkturm und Leuchtreklame

Coverillustration: Klaus Brandt

Berlin ist zu dieser Zeit jedoch zugleich die europäische Hauptstadt der Fixer, die Stadt der Kinder vom Bahnhof Zoo1. Christiane F., die Hauptperson dieses Bestsellers (erstmals erschienen 1978), Spielfilms (1981) und der Amazon-Prime-Serie, wurde 1962 geboren, im selben Jahr wie Anke Jablinski. Und um Drogenkonsum mitsamt seinen tragischen Konsequenzen geht es auch im "Klettermax".

Man kann den Roman zudem als „Kriegsenkel-Literatur" einordnen, heute jedenfalls, denn in den 70er und 80er Jahren, der Handlungszeit des Romans, hatte noch niemand von Kriegsenkeln gesprochen. Gemeint sind die Kinder, deren Eltern den 2. Weltkrieg selbst als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt haben. Lina Jakob beschreibt in ihrem Buch Echoes of Trauma and Shame in German Families2 eindrücklich, wie die unbewältigten Traumata der Kriegsgeneration auf die Kinder übertragen werden. Genau das geschieht hier.

Alfred verstimmt / Papi verrückt

Am Anfang fehlten die Worte. Stattdessen erfand die Mutter eine Chiffre, die in der Familie das Unheil ankündigte. "AV" trug sie dann in ihren Kalender ein (Alfred verstimmt). Anke, 1962 geboren, die jüngere der beiden Töchter und die Protagonistin des Romans, hatte ihre eigene Version, die es "besser auf den Punkt" bringen sollte. Sie schrieb "PV" (Papi verrückt) in ihren Taschenkalender.

Die Einträge erfolgten in immer kürzeren Abständen, weil die Stimmung von "A" respektive "P" immer häufiger in Wutanfälle umschlug, der Ehemann und Vater die Familie terrorisierte: Einmal griff er ins Aquarium und spülte die geliebten Kaulquappen und Frösche seiner Jüngsten das Klo hinunter, ein andermal bugsierte er in einer Hotelpension seine vor Angst mal wieder steif und wehrlos gewordene Tochter auf die Fensterbank und stellte sie vor die Wahl, entweder sie stürzt sich in den Tod oder er.

Am häufigsten jedoch bedeutete "AV" und "PV", dass vom Vater erlebte Kriegssituationen in den eigenen vier Wänden nachgestellt wurden. In der harmloseren Version glich das Ganze einem Schauspiel, das auch als Reenactment durchgegangen wäre, hätten da nicht die eigenen Kinder als Statisten herhalten müssen. Immer öfter jedoch regierte der blanke Horror. Dann schreckte er nachts die Töchter mit einer Sirene aus dem Schlaf, zertrümmerte Tür und Bettgestell mit einer Axt oder verschoss Tränengas in der Wohnung.

Als Siebzehnjähriger an der "Russenfront"

Seinen eigenen Krieg, den 2. Weltkrieg, erfuhr der Vater als Siebzehnjähriger an der „Russenfront“. Er war kein Nazi. Im Gegenteil, er hasste Nazis wie sein sozialistisch eingestellter Vater. Und er hasste Hitler. Als Kind hatte er mit den Juden am Prenzlauer Berg gespielt, sie seien alle seine Freunde gewesen. Und dann habe er, wie er erzählt, an die Front gemusst und so tun müssen, als ob er etwas gegen Juden hätte. Die Nazis hätten ihm auch Pervitin gegeben. Der Wirkstoff dieses "Aufputschmittels" ist Methamphetamin, heute besser bekannt als Crystal Meth.

Nach dem Krieg erwirbt der Vater einen Abschluss als Diplom-Psychologe, arbeitet zunächst als angestellter Betriebspsychologe, macht sich jedoch später als Psychoanalytiker selbständig. Und weil kein Klischee zu klischeehaft ist, ohne nicht wenigstens einmal von der Realität bestätigt zu werden, eröffnet er seine Praxis zuhause und behandelt die Psychosen anderer ausgerechnet in derselben Familienwohnung, in der er seine eigenen auslebt.

Am Anfang fehlten die Worte. Heute würde man dem Vater aufgrund seiner Kriegserlebnisse Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) attestieren. In den 1970er Jahren war der Begriff noch unbekannt.

Die Mutter: Zu zart, um sich durchzusetzen

Die Mutter ist das stille Gegenstück zum Vater. Musiklehrerin, die mit ihren Töchtern musiziert, ihnen die Natur erklärt und ihnen zeigt, wie man Blumen presst. Zart, so wird sie im Roman beschrieben, immer nur lieb, zu schwach, um sich gegen ihren Mann durchzusetzen. Sie bleibt, auch als er sich Geliebte hält. Den Kindern verordnet sie Stillschweigen, damit der Vater, inzwischen auch tablettensüchtig, weiter praktizieren kann. Sie schützt die Fassade einer Vorzeigefamilie, während innen alles zerbricht.

"Meine Mutter unternahm nichts", heißt es im Roman. "Sie schien immer noch zu hoffen, dass er sich wieder fangen würde, wie sie es nannte. Warum gaukelte sie allen eine heile Welt vor. Warum suchte sie nicht nach Lösungen. Musste nicht sogar unserem Vater geholfen werden? Wie konnte es angehen, dass er immer noch Patienten therapierte?". Fast lehrbuchhaft beschreibt Anke Jablinski hier die Verhaltensmuster einer Co-Abhängigkeit. Freilich, ohne den Begriff zu verwenden. Denn der Roman, das macht ihn so authentisch, ist ganz Anamnese, niemals Diagnose.

Die Schwestern in Schubladen

Und dann ist da Ute. Ankes zwei Jahre ältere Schwester. Als Kind war sie die Ängstliche, die Scheue, die ohne Licht im Flur nicht einschlafen konnte. Sie entwickelte Ticks, errötete häufig. Paradoxerweise war es an der jüngeren Schwester, der kontaktfreudigen, quirligen Anke, der älteren die Angst zu nehmen, die Angst vor anderen Kindern, die Angst durch den dunklen Keller zum Hof zu laufen. Auch in der Schule fand Ute keinen Kontakt. Sie galt als "die Bohnenstange ohne Brüste, die andauernd rot wurde". Der Vater gab ihr Valium und legte damit wahrscheinlich den Grundstein für ihre spätere Suchtkarriere.

Ute bricht aus der Schublade des braven Kindes aus. Sie wird zum „Problemkind“. Sie kifft, beginnt zu dealen, versorgt auch prominente Schauspieler und Musiker mit Stoff. Sie sucht Zuflucht bei Wolfgang Neuss, dem Kabarettisten und Kiffer-Guru, der im seiner Wohnung in der Lohmeyerstraße 6 vor dem großen Astrologiebild im Schneidersitz seine Jünger empfing.

Das führt zu einer bizarren Konfrontation: Der Vater, der einst Neuss bewunderte und insbesondere Neuss' Darbietung der „Moritat von Mackie Messer“ liebte, sieht in dem „zahnlosen Spinner“ nun den Verführer seiner Tochter. Erst trägt er sich mit Mordgedanken ("wart nur ab, Mackie Messer, wart nur ab"), dann zeigt er ihn an – und seine eigene Tochter Ute gleich mit. Zwei vom Krieg gezeichnete Männer prallen aufeinander: Der eine bringt den Krieg nach Hause, der andere predigt, benebelt, Bewusstseinserweiterung.

Doch Ute versinkt immer tiefer in der Drogenszene, lebt zeitweise in Amsterdam, Paris und London, tanzt in Striplokalen, arbeitet als Animierdame, entwöhnt mit Methadon und wird doch wieder rückfällig, erst Kokain, dann auch wieder Heroin.

Anke Jablinski: "Ich konnte mal Hippie, mal Indianer und mal Punk sein, mal ängstlich und mal cool dreinschauen, ja, hier konnte ich spielen und doch ich sein... Es war, als würde mich endlich jemand verstehen, war es auch nur ein Automat." Passfoto-Projekt Narziss & Automat © Anke Jablinski.

Anke Jablinski: "Ich konnte mal Hippie, mal Indianer und mal Punk sein, mal ängstlich und mal cool dreinschauen, ja, hier konnte ich spielen und doch ich sein... Es war, als würde mich endlich jemand verstehen, war es auch nur ein Automat." Passfoto-Projekt Narziss & Automat © Anke Jablinski.

Anke hingegen, die Protagonistin, war das „Sonntagskind“. Fröhlich, sportlich, der Liebling. Doch der Schein trügt. Während Ute als Teenager nach außen hin zu rebellieren beginnt, dem Vater Paroli gibt, implodiert Anke. Sie hat Albträume, in der regelmäßig eine riesige Schwarze Hand auftaucht, die sie verfolgt, und in der sie die Hand ihres Vaters zu erkennen glaubt. Sie entwickelt massive Panikattacken. Immer öfter. Ihr Körper besteht dann nur noch aus Panik pur, ist in sich gefangen. Sie bekommt keine Luft.

Ihre Eltern nehmen diese Attacken nicht wahr. "Um mich hatte niemand Angst", schreibt Jablinski. Demgegenüber hatte Ute "das Image des ängstlichen Mädchens später als Teenager so satt, dass sie in einer Weise ausbrach, die niemand fassen konnte". Und "anstatt dass Ute ermutigt wurde, mit anderen Kindern zu spielen, saß sie mit dem Vater im Wohnzimmer, um irgendwelche Probleme zu besprechen". Resigniert stellt Jablinski fest: "Wir wurden von unseren Eltern in Schubladen gesteckt, aus denen wir beide nicht mehr herauskamen. Denn Kinder benehmen sich so, dass sie von ihren Eltern geliebt werden."

Wie ihre Schwester begab sich auch Anke auf den Weg in die Drogenszene, nahm sogar eine Abkürzung, ohne den Umweg über die Einstiegsdroge Haschisch. Denn während sie beim Kiffen Horrortrips erlebte und sich ihre Panikattacken meldeten, konnte sie unter Heroin entspannen. Es war "die erste Droge in meinem Leben, die mir guttat". Damit war die Entscheidung für den härteren Stoff gefallen. Ute spritzte, Anke schnupfte Heroin.

Berliner Adressen im Roman Klettermax. Wortwolke: © Valletta | Das Journal / BSF.

Berliner Adressen im Roman Klettermax. Wortwolke: © Valletta | Das Journal / BSF.

Sie taucht ein in die Subkultur West-Berlins. Sie tanzt im „Dschungel“ und im „SO36“ und einmal mit Herman Brood im "Superfly" die ganze Nacht Cha-Cha-Cha, legt als minderjährige D-Jane Platten auf im Bowie. Sie sieht Iggy Pop und die Stones in der Waldbühne.

Anke klaute – im Kaufhaus oder Supermarkt, aber niemals, wie sie betont, im Tante-Emma-Laden, dealte, verdiente Geld in Strip-Lokalen und in Peep Shows, verkaufte erfolgreich eigene Kunstkreationen auf dem Flohmarkt. Sie jobbt eine Weile am Fließband wie ihr Vorbild Patti Smith. Die Zeilen „Jesus died for somebody’s sins, but not mine“ aus dem Song Gloria3 wird zu Ankes Mantra. "my sins, my own. They belong to me". Meine Sünden gehören mir, der Anspruch, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, wird zu ihrer Grundeinstellung.

Doch auch ihr Plan "ein guter Mensch" zu werden, erleidet Rückschritte. Es gelingt ihr zwar das Leben in heruntergekommenen Bruchbuden, Kiffer und Guru-Wohngemeinschaften gegen eine NEUE-HEIMAT-Neubauwohnung einzutauschen und mit dem Drogenentzug zu beginnen. Doch sie gerät wieder in eine neue, diesmal finanzielle Abhängigkeit: Der Vater übernimmt einen Teil der laufenden Kosten, nutzt dies jedoch dazu, sie zu manipulieren und zu erpressen.

Punk mit Aussicht

Einer Generation angehörend, die sich in Popper, Hippies oder Punks aufzuteilen beginnt, fühlt sich Anke zu den Punks hingezogen. Mit vernebelter Hippie-Seligkeit kann sie nichts anfangen. Gurus jeder Art sind ihr suspekt, auch der Guru Wolfgang Neuss, der unentwegt Bewusstseinserweiterung predigt, schon dieses Wort hängt ihr "zum Hals raus". Sie will nicht meditieren, sie will agieren. Sie braucht keinen Stuhlkreis.

Ich kämpfte um eine Art von Freiheit, die ich niemandem erklären konnte. Während um mich herum gegen Atomkraftwerke gegen Nazis und gegen die Gesellschaft, in der wir lebten, gekämpft wurde, kämpfte ich darum zu atmen. Ich kämpfte um meine ganz persönliche Freiheit, besonders seitdem ich Patti Smith gehört hatte.

Die aggressive Ästhetik des Punk kommt ihr entgegen. Die Kriegsbemalung, die sie schon als kindlicher ‚Indianer‘ beim Klettern trug, behält sie bei. Sie wird zur Rüstung, hinter der sie ihre Panik verbergen kann. Punk ist die Kunst, sich nicht unterzuordnen – weder einem Vater noch einem Guru oder einer Ideologie.

Der vertikale Weg zur Freiheit

Den Kosenamen "Klettermax" gab ihr der Vater, als sie ein Kind war. Von ihm hat sie auch die Sportlichkeit. Er bringt ihr früh das Schwimmen bei, Messerwerfen, Bogenschießen und Speerwerfen. Und er schenkt ihr sogar ein echtes Wurfmesser sowie ein Lasso, das zum Teil ihrer Kletterausrüstung und ihres "Indianer-"Outfits wurde. Anke liebte das Klettern. In der Kindheit schwang sie sich von Baum zu Baum, in ihrer Jugend zog sie sich an Mauern hoch, erklomm Häuserfassaden und stieg in Kriegsbemalung auf Dächer. Schon früh bedeutete Klettern für sie mehr als nur ein Sport. Das Klettern half ihr beim Entzug. Kletternd entkam sie der "Schwarzen Hand" und ihren Panikattacken.

Klettern bedeutete Freiheit, innere Freiheit, aber auch physisches Entkommen, die Haut retten. Als Fluchtweg spielen Fenster eine zentrale Rolle in Jablinskis Roman. In der elterlichen Wohnung hat sie vorgesorgt. So kann sie durch das Fenster flüchten, als der Vater einmal beide Töchter in ihrem Zimmer einschloss, nachdem er vorher Tränengas verschossen hatte. Sie kann sich abseilen, über den zwei Meter vom Haus entfernten Ahornbaum als Brücke. Auch im häuslichen Badezimmerfenster hat sie ein Seil angebracht, für den Fall, vor dem Vater fliehen zu müssen.

Patti Smith & Robert Mapplethorpe, Painting by Anke Jablinski (Charlottenburger Serie) ©Anke Jablinski.

Patti Smith & Robert Mapplethorpe, Painting by Anke Jablinski (Charlottenburger Serie) ©Anke Jablinski.

Über Fenster entkommt sie auch aus anderen Wohnungen, mehrmals um sich vor sexuellen Übergriffen zu retten. Für die Familie Berry in John Irvings Roman The Hotel New Hampshire4 sind offene Fenster Orte des Todes. "Keep passing the open windows" – bleib immer weg von offenen Fenstern, ist deren Leitspruch. Bei Jablinski verheißen Fenster die Aussicht auf Rettung. Ihr Leitspruch könnte heißen: Rette dich durch offene Fenster!

Mark Twain hätte gestaunt

Wie liest sich dieses Buch? Jablinskis Schreibstil ist auf erfrischende Weise amerikanisch. Wie E. L. Doctorow in seiner Kohlhaasiade Ragtime5 reiht sie Hauptsatz an Hauptsatz, das Prädikat nie weit vom Subjekt entfernt. Mark Twain hätte gestaunt. Was ihn an der Awful German Language6 amüsiert, kommt bei Anke Jablinski nicht vor. Sie muss nicht erst – in Abwandlung einer Twain'schen Metapher – mühsam Wort für Wort einen gefährlich wackeligen, nicht enden wollenden Satz entlangklettern, nur um auf der allerletzten Etappe das dem Leser bis dahin vorenthaltene und von ihm herbeigesehnte sinntragende rettende Verb hervorzuholen und zur Absicherung am Schlusspunkt zu verankern.

Ihr gelingt es, den Leser so tief in ihre Erzählung hineinzuziehen, dass man sogar vergisst, dass sie den Roman im Präteritum verfasst hat. Dazu trägt auch bei, wie sie mit Dialogen umgeht. Nur selten wählt sie den Zitier-Konjunktiv. Fast immer bedient sie sich der direkten Rede, die sie unmittelbar in die Erzählung einfließen lässt.

Dabei verzichtet sie konsequent auf Anführungszeichen und erspart dem Leser meistens Inquit-Formeln wie "sagte er", "antwortete er". Nur die kursive Schrift hebt das Gesagte vom übrigen Text ab.

Das ist Kino. Kopfkino allerdings, denn auch Gerüche werden uns mitgeteilt. Es riecht abwechselnd nach Leder, Magnesium, Schweiß, Holz, Rauch, Tränengas, Birke, Urin, Patchouli, Haschisch und NEUE-HEIMAT-Wandfarbe.

Die unverstellte Darstellung dessen, was passierte, wer was sagte und was die Protagonistin dabei fühlte, verschmelzen zu einer Polyphonie, zu der die Parataxe den Rhythmus setzt.

Dieser parataktische Rhythmus trägt den Leser in hohem Tempo durch den ganzen Roman, durch die Kindheit, den Terror in der elterlichen Wohnung, um Straßenecken, in Berliner Clubs, in Punk-Wohnungen in Kiffer-Wohnungen, hinunter in Keller und hinauf auf Dächer. Dieser Rhythmus hilft uns dabei, die Wucht der Handlung zu ertragen, auch das Gravierendste, was den handelnden Personen zustößt.

Der Himmel über Berlin

Selbst wenn Angstattacken der Protagonistin wieder einmal die Kehle zuschnüren, setzt alsbald dieser Rhythmus wieder ein und trägt uns fort zur nächsten Szene. Und immer, wenn wir der Hauptfigur beim Klettern folgen, auf Bäume oder Hausdächer wächst in uns die Zuversicht, dass das ganze wenigstens für die Erzählerin ein Gutes Ende nehmen wird.

Und das wird es: Am Ende holt sich Anke ihr Leben zurück, besiegt die Panik, entkommt den Drogen. Sie beginnt zu malen, portraitiert bekannte Musiker, realisiert ihr Passfoto-Projekt "Narziss und Automat". Sie kommt dem „Himmel über Berlin“ ein Stück näher, ganz real, auf den Dächern – eine Befreiung durch Bewegung und Kunst.

Anke Jablinski
KLETTERMAX
Eine wahre Geschichte über Traumata und die Überwindung von Panikattacken
Außer der Reihe 103
Verlag: p.machinery Michael Haitel, Dezember 2025
254 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 95765 486 1 – EUR 19,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 95765 670 4 – EUR 6,49 (DE)

1. Hermann, Kai; Rieck, Horst: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Gruner + Jahr, Hamburg 1978.

2. Jakob, Lina: Echoes of Trauma and Shame in German Families. Indiana University Press, 2020.

3. Smith, Patti: Gloria (Songtext). In: Horses. Arista Records, 1975.

4. Irving, John: The Hotel New Hampshire. E.P. Dutton, New York 1981.

5. Doctorow, E. L.: Ragtime. Random House, New York 1975.

6. Twain, Mark: The Awful German Language. In: A Tramp Abroad. American Publishing Company, Hartford 1880.